Presseaussendung / 01.10.2018


© NÖN/Thomas Weikertschläger
© NÖN/Thomas Weikertschläger

Am tierapiehof lernen traumatisierte Menschen durch Bezugstiere Vertrauen neu - Pionierinnen der Tiergestützten Therapie am Bauernhof erhalten Green Care-Hoftafel

 

Doris Gilli aus Eggenburg ist eine der Pionierinnen der tiergestützten Therapie auf Bauernhöfen in Österreich. Mit ihrer fachlichen Mithilfe entwickelte das Österreichische Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖKL) den LFI-Zertifikatslehrgang „Green Care-Tiergestützte Intervention am Bauernhof", den sie schließlich auch selbst absolvierte. Ihr eigener Hof wurde der erste Pilot- und Ausbildungsbetrieb für dieses sozial-therapeutische Angebot und galt viele Jahre als Best Practice-Betrieb. Gesundheitsförderung und Prävention rückten damit in den Fokus. Zwölf Jahre, zahlreiche Ausbildungen und reichlich Erfahrungen später wird der mittlerweile als "tierapiehof" bekannte Bauernhof als Green Care-Betrieb zertifiziert. Die Überprüfung der Kriterien hat die unabhängige Kontrollstelle SystemCERT durchgeführt. Nach dem positiven Audit erhielten Doris Gilli und ihre Tochter Romana Gilli, BA das Qualitätssiegel für ihre Arbeit, in Form der Green Care-Hoftafel.

 

Green Care eröffnet neue Chancen

 

Der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer (LK) Niederösterreich, Otto Auer, verweist auf die vielfältigen Möglichkeiten, die Green Care für aktive land- und forstwirtschaftliche Betriebe bietet: "Oftmals sind sich die Betriebsführerinnen und Betriebsführer gar nicht bewusst, was alles auf einem Bauernhof außerhalb der agrarischen Urproduktion noch Platz haben kann. Es muss nicht immer der klassische Weg sein, um erfolgreich zu sein. Darum ist es wichtig, Neuem gegenüber aufgeschlossen zu sein und seine eigenen Stärken zu kennen, wie man am Beispiel von Doris Gilli sieht. Man kann nur dann erfolgreich sein, wenn der eingeschlagene Weg auch tatsächlich zu einem selbst und seinem Betrieb passt. Nur dann macht es Sinn, eine Einkommensnische für sich zu entdecken." Auch DIin Elfriede Schaffer, MSc, Vorstandsmitglied von Green Care Österreich, sieht am neu zertifizierten tierapiehof alle Voraussetzungen für soziale Dienstleistungen mit Nutzung land- und forstwirtschaftlicher Betriebsstrukturen, wie es Green Care vorsieht, ideal umgesetzt. "Viele Bäuerinnen und Bauern bewirtschaften ihren Hof heute im Nebenerwerb und verfügen dadurch über Qualifikationen außerhalb des land- und forstwirtschaftlichen Umfeldes. Sie öffnen die 'Ressource Bauernhof' für jene Menschen, die vom Umgang mit Tieren, von Aktivitäten in Garten und Wald oder einfach von der Ruhe in ländlicher Umgebung profitieren. Bäuerliche Familienbetriebe werden - wie auch Familie Gilli - zu Partnern des Gesundheits- und Sozialsystems. Green Care bildet eine ideale Brücke zwischen Land- und Forstwirtschaft und der Bevölkerung und stärkt somit den Zusammenhalt im ländlichen Raum.“ 

 

"Das ÖKL und das LFI haben mit dem Zertifikatslehrgang 'Green Care-Tiergestützte Intervention mit landwirtschaftlichen Nutztieren am Bauernhof' die wissenschaftliche Basis für dieses soziale Angebot im Rahmen des Vorhabens Green Care – Wo Menschen aufblühen in Österreich gelegt. Die Bäuerinnen und Bauern, die diese Ausbildung absolvieren, sichern durch diese Diversifizierungsmöglichkeit nicht nur den Fortbestand ihres eigenen Betriebs, indem sie den Vorteil der Tierhaltung vor Ort gegenüber dem urbanen Raum nutzen, sondern sie ergänzen vor allem das bestehende Angebot in den peripheren Regionen.

 

Damit tragen sie auch wesentlich zum Fortbestand des ländlichen Raumes bei", verweist Green Care-Vereinsobmann KDir. Ing. Robert Fitzthum auf die vielfältigen Effekte, die Green Care auslöst.

 

Tiergestützte Therapie und Pädagogik: Wenn Tiere die besseren "Menschen" sind

 

Doris Gilli stand um die Jahrtausendwende vor der Frage, was sie aus dem übernommenen Bauernhof machen sollte. Beratungsgespräche mit den Expertinnen und Experten der Landwirtschaftskammer NÖ haben zur Idee geführt, mit den eigenen Pferden etwas Neues aufzubauen. Durch die Errichtung des Psychosomatischen Zentrums Waldviertel (PSZW) - Klinik Eggenburg in direkter Nachbarschaft kam ihr wenige Jahren später die Idee, die Pferdezucht und das Einstellgeschäft um eine therapeutische Komponente, unter Einbeziehung der am Betrieb vorhandenen Tiere, zu erweitern. Ihr Konzept der tiergestützten Intervention im psychotherapeutischen Bereich basiert auf nonverbaler Kommunikation mit einem persönlichen Bezugspferd. Über die Jahre hat sie ihr Wissen durch Aus- und Fortbildungen im Bereich der Integrativen Therapie vertieft, was zu einer Diversifizierung des Angebots und der Aufstockung des Teams führte.

 

Mittlerweile hat die Hofübergabe stattgefunden und der tierapiehof wird von Romana Gilli geführt. Die ausgebildete Kindergartenpädagogin und Sozialarbeiterin hatte schon früh Interesse an der tiergestützten Arbeit und hat zu ihrer psychotherapeutischen Ausbildung auch einige Schulungen im Bereich Pferdetraining absolviert. Heute sind Mutter und Tochter Kolleginnen - Doris Gilli bietet Integrative Therapie an, Romana Gilli als Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision Verhaltenstherapie. Beide arbeiten mit Erwachsenen, die an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen wie zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen und Traumatisierung leiden. Romana Gilli hat sich zusätzlich auf emotional-instabile Persönlichkeitsstörungen fokussiert, wo Spannungen und innerer Druck ein großes Thema sind, sowie auf Dysfunktionale Verhaltensweisen wie Selbstverletzungen, bei denen das Skillstraining eingesetzt wird. "Durch ihr Bezugspferd lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, deren Vertrauen zu Menschen gebrochen ist, wieder Annäherung zuzulassen, eine Beziehung zu einem Lebewesen aufzubauen und sich zu behaupten. Viele sagen selbst ‘Pferde sind die besseren Menschen, weil sie uns eine unmittelbare und ehrliche Rückmeldung geben und nicht über z.B. Aussehen oder Kleidung werten. Sie nehmen uns so, wie wir sind“, erläutert Doris Gilli. Gleiches gilt für Hängebauchschweine, von denen fünf am tierapiehof ebenfalls als Assistenten ausgebildet wurden. "Wertschätzung, Respekt und Vertrauen sind unsere Leitworte des tierapie-Konzeptes an sich und im Umgang mit den Menschen, die zu uns kommen und den Tieren", ergänzt Romana Gilli.

 

Der Bauernhof als Lebens- und Entdeckungsraum

 

Der Bauernhof und die Natur ringsum bilden dafür den geschützten Rahmen, der laut den beiden Betreiberinnen "besonders wichtig" für einen Therapieerfolg ist. "Die Struktur des Hofes und die Atmosphäre tragen entscheidend dazu bei, dass unsere Patientinnen und Patienten abschalten und loslassen können. Sie bauen Nähe zu den Tieren auf und entdecken dabei in sich neue Ressourcen. Bauernhöfe sind damit wichtige Lebensorte und bedeutsames Kulturgut.", erläutert Doris Gilli. „Für kleine Betriebe wie unseren ist Green Care eine wichtige Chance, den Hof zu erhalten." Dazu zählt auch die Zertifizierung. "Das Audit war für uns wichtig, um trotz unserer langjährigen Erfahrung 'blinde Flecken' in unseren Betriebsstrukturen aufzudecken und zu sehen, wo wir uns noch verbessern können, was letztlich nicht nur zum Vorteil unserer Patientinnen und Patienten ist, sondern auch zu unserer eigenen Weiterentwicklung und zur Betriebssicherheit beiträgt", betont Romana Gilli abschließend. 

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Green Care-Hoftafel
Pionierinnen der Tiergestützten Therapie am Bauernhof erhalten Green Care-Hoftafel
Presseaussendung_Hoftafel für tierapieho
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